Victoria - Eine faszinierende Entdeckung

Jorinde Eleonore Kahlweiß wurde am 5.Februar 1925 in Steinbrücken, Kreis Dillenburg als drittes von vier Kindern geboren. Ihr Vater, Fritz Kahlweiß stammte aus Ostpreußen und war Lehrer in Fischelbach, Kreis Wittgenstein, an einer zweiklassigen Dorfschule.

1935 zog die Familie nach Witten an der Ruhr. Das Leben änderte sich schlagartig und total für die damals zehnjährige Jorinde. Sie fühlte sich überfordert und wurzellos.
Während des Krieges 1944 machte sie Abitur, anschließend Arbeitsdienst.
Sie hatte immer gerne gezeichnet und begann 1945 im Herbst an der Landeskunstschule in Bielefeld ein Grafikstudium. Allein, in der Nachkriegszeit mit einer Lebensmittelkarte, wenig Geld in einer fremden Stadt – wenige werden heute noch nachvollziehen können, was das bedeutete.

Jorinde Eleonore Kahlweiß wurde am 5.Februar 1925 in Steinbrücken, Kreis Dillenburg als drittes von vier Kindern geboren. Ihr Vater, Fritz Kahlweiß stammte aus Ostpreußen und war Lehrer in Fischelbach, Kreis Wittgenstein, an einer zweiklassigen Dorfschule.

1935 zog die Familie nach Witten an der Ruhr. Das Leben änderte sich schlagartig und total für die damals zehnjährige Jorinde. Sie fühlte sich überfordert und wurzellos.
Während des Krieges 1944 machte sie Abitur, anschließend Arbeitsdienst.
Sie hatte immer gerne gezeichnet und begann 1945 im Herbst an der Landeskunstschule in Bielefeld ein Grafikstudium. Allein, in der Nachkriegszeit mit einer Lebensmittelkarte, wenig Geld in einer fremden Stadt – wenige werden heute noch nachvollziehen können, was das bedeutete.
Im Herbst 1947 erkrankte sie so schwer, dass sie erst 1954 in der Lage war, einen Neuanfang zu wagen. Sie nannte sich von da an Victoria und studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Fünf Semester bei Professor Nagel, zunächst in der Zeichen- dann in der Malklasse. Sie gewann in zwei Akademiewettbewerben: 1954, Thema „Selbstportrait“ einen zweiten Preis, 1955, Thema „Ruhe“ einen ersten Preis. 1957 musste sie erneut aus gesundheitlichen Gründen aufhören.

1959 heiratet sie den Jurareferendar Gerhard Kettschau. Sie wohnen in Soest. Gerhard Kettschau macht sein Examen, übernimmt eine Rechtsanwaltspraxis und baut sie aus. Ab 1964 ist ein Sohn da, ein Haus wird gebaut und sie übernimmt die Buchhaltung in der Praxis ihres Mannes. Bei all dem hört sie nie ganz auf zu malen. Im eigenen Haus hat sie endlich auch ein Atelier. Es entstehen neben figürlichen Kompositionen, Portraits, Stillleben und Landschaften. Dabei macht sie sich im Laufe der Zeit unabhängiger von der möglichst genauen, auch der genauen farblichen Wiedergabe des jeweiligen Sujets. Mit anderen Worten, sie fängt an zu abstrahieren, zu übersetzen, zu verändern und zu komprimieren. Die Bilder sollen nicht mehr Ausschnitte aus einem größeren Ganzen sein, sondern das Ganze soll im Ausschnitt ablesbar werden. Es entstehen folgerichtig immer radikalere „Verdichtungen“, die ersten abstrakten Formen und schließlich Versuche, vollständig ungegenständlich zu arbeiten. Es wird ihr klar, dass ungegenständliche Malerei etwas grundsätzlich anderes ist, als eine vom Gegenstand ausgehende Malerei. Es geht um eine neue Bildsprache, die nicht mehr von äußeren – optischen Erscheinungen dieser Welt ausgeht, sondern innere und äußere Kraftverhältnisse, geistige Erlebnisse, Lebensphilosophien in einer Bildsprache auszudrücken versucht.

Alle Arbeiten von 1959 bis 1987 sind den ständig wachsenden äußeren Lebensanforderungen und –pflichten förmlich abgerungen. Natürlich glibt es zeitliche Unterbrechungen.

Der eigentliche Durchbruch kommt erst in den 90er Jahren. Gerhard Kettschau wird krank, er muss seinen Beruf aufgeben, sie ziehen ins Sauerland, er finanziert ein Atelier, übernimmt Haushaltspflichten, so dass Victoria Kettschau von morgens bis abends malen kann, acht bis zehn Stunden am Tag, so viel sie will – und das tut sie auch!
Goethe sagt „Genie ist 1 Prozent Talent und 99 Prozent Arbeit.“

Nur in ständiger Arbeit entwickeln sich Ideen und tun sich immer neue Möglichkeiten auf. Zunächst geht es ihr darum, wie auch schon Ende der 80er Jahre, gleiche Formen im Bild in eine Beziehung zueinander zu bringen, wie sie sich je nach ihrer Stellung im Bild verhalten oder wirken. Dann geht es um die Beziehung mehrerer gleicher Formen zu einander und schließlich entwickeln sich daraus Strukturen, in denen immer gleiche Formen sich bewegen: Rhythmisch, im Kreis, in fortlaufender Bewegung über die Bildfläche hin, um sich selbst und im Bild kreisend, fallend, schwebend, schwimmend, auch manchmal statisch auf den Betrachter zu gehend.

In ihren Kompositionen war sie immer selbständig und wurde von anderen abstrakten Malern nie maßgeblich beeinflusst. In der künstlerischen Arbeit war und ist sie immer nur sie selbst. Sicherheit gab und gibt ihr nicht der Vergleich mit den Werken anderer Maler, sondern deren Aussagen über Kunst und deren eigenen Arbeiten (Kandinsky, Baumeister, Klee und andere). Sie sprechen über Kunst, künstlerische Schaffensprozesse, Schaffensprobleme, Zielsetzungen, das Suchen nach Lösungen und Vollendungen, die Qualen im Findungsprozess und das befreiende Gefühl der Lösung am Ziel angekommen zu sein, genau so wie sie selbst es immer neu erlebt.

 

Bei ihren späten abstrakten Bildern handelt es sich um exakt geplante geometrisierte aussagestarke Formen, die den Bildraum in seiner gesamten Räumlichkeit erfassen. Nichts wird dem Zufall überlassen. Das gesamte Bildwerk der Malerin unterliegt einem strengen Konzept. Umfangreiche Studien gehen ihren Kompositionen voraus, Strukturen werden in Tagen unter ständigen Korrekturen auf Millimeterpapier entwickelt und am Ende maßstabgerecht auf die Leinwand übertragen. Es folgt der nächste Arbeitsprozess, in dem akribisch noch einmal um die endgültige Form und Farbgebung gekämpft wird. Nach Ansicht der Künstlerin muss sich Farbe und Form gegenseitig so vollkommen unterstützen und steigern, bis eine Korrespondenz zwischen Form und Form und Farbe und Form entsteht, die das Bild erst zu einem lebendigen Organismus macht.

 

Im Arbeitsprozess wird die Form und die Farbe so lange verändert, bis endlich die vom Bild geforderte Form und Farbigkeit erreicht ist, denn von einem gewissen Zeitpunkt an ist das Bild in einen Zustand getrieben in dem der Maler nur noch Vollender dessen ist, was das Bild selbst fordert.
Josef Rattner sagt in seinem Buch „Der schwierige Mensch“ unter „Strukturen und Gesetze des Seelenlebens“ folgendes: „Struktur“ wird definiert als „sinngegliederte Ganzheit, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Auf das Seelenleben angewendet bedeutet dies, dass Seelisches immer als geordnetes Ganzes auftritt, wo alle Teile aufeinander abgestimmt sind und sich wechselseitig bedingen. Wenn hier ein Teil fehlt, ist das Ganze verändert. Auch der lebendige Organismus ist eine solche Struktur. Im Seelischen sind alle Fakten so zusammengefügt, dass eines das andere ergänzt.“

Diese Aussagen kann man wortwörtlich auf die Bilder von Victoria Kettschau, besonders auf jene der letzten Jahre, übertragen: Auch da sind Strukturen entwickelt, die zu sinngegliederten Ganzheiten zusammengefügt sind; die mehr sind als Summe ihrer Teile. Auch sie zeigen ein geordnetes Ganzes, wo alle Teile aufeinander abgestimmt sind und sich wechselseitig bedingen. Auch hier ist es so, dass, wenn ein Teil fehlt, das Ganze verändert ist.

Das geschieht nicht von selbst. Die Strukturen ihrer Bilder werden nach einer Grundidee langsam entwickelt und so lange verändert und immer wieder neu abgestimmt, bis sie zu einem „lebendigen Organismus“ geworden sind. Dieser lebendige Organismus ist das Ziel. Der Weg dahin ist lang.
Diese perfekte Geometrisierung führt den Betrachter in Bildräume ein, die fern jeglicher Gegenständlichkeit im herkömmlichen Sinne sind. Sie zeigt in jedem der Werke eine enorme Tiefenwirkung und Plastizität.

Joseph Joubert, französischer Schriftsteller, 1754-1824 prägte den Ausdruck: „Die Zeit ist Bewegung im Raum“. Und genau das ist es, was die Malerin vorantreibt und was diese Bilder auszudrücken vermögen. Es ist der Wunsch aus Bewegung Raum zu schaffen. Diese geometrischen Formen leben vom Bewegungselement – es ist ein Wechselspiel zwischen der Form und der Negativform und ein Zusammenspiel von Form und Farbe.

Viktoria Kettschau schafft mit ihrer Malerei Bilder, die ästhetisch sind, harmonisch in ihrer Form- und Farbgebung. Es sind Bilder, die in sich, in ihrer Bildaussage so stark, so klar sind, dass der Blick des Betrachters unwillkürlich gebannt verweilt.
Keines ihrer Bilder ist auf der Vorderseite signiert, alle tragen ihren Schriftzug auf der Rückseite, um die jeweilige Komposition nicht zu stören.


Von der figurativen zur abstrakten Malerei bis hin zur perfekten Geometrisierung zeigte die Galerie im Morgnerhaus Soest 2007 in zwei aufeinander folgenden Ausstellungen einen Überblick über das gesamte malerische Oeuvre von Victoria Kettschau.
Weitere Ausstellungen folgten, ebenso wie ein Tag des offenen Ateliers, die Einbringung ihrer Kunstwerke in die Victoria-Kettschau-Stiftung, gegründet zur Förderung der Kunst und Kultur der Stadt Soest, sowie eine letzte große Schau im Kunstmuseum Wilhelm-Morgner-Haus und damit verbunden die Anerkennung ihres Lebenswerkes.
Am 5. September 2015 verstarb Victoria Kettschau in ihrem 90. Lebensjahr.
Selbstbestimmt und aktiv, sowohl in ihrer malerischen Arbeit als auch in der Vorbereitung eines weiteren Kataloges noch nicht publizierter Arbeiten, hinterlässt sie ein umfangreiches Werk, das sie in gemeinschaftlicher intensiver Arbeit mit Annette und Horst Hagenkötter in den letzten zehn Jahren in einem detaillierten Werkverzeichnis erfasst hat und der Nachwelt übergibt. Der künstlerische Nachlass findet auf ihren eigenen Wunsch Eingang in den städtischen Kunstbesitz. Hier wird er bewahrt, konservatorisch gepflegt, immer wieder ausgestellt und vermittelnd auch als Leihgabe anderen renommierten Ausstellungsorten zur Verfügung gestellt.
Am 10. Juli 2016 findet in dem umfangreich sanierten Museum Wilhelm Morgner, im Foyer des Hauses, eine kleine Schau statt, die die Übergabe ihrer Werke anzeigen und die Künstlerin selbst ehren wird.

Dr. Annette Werntze
Kunsthistorikerin